"Celebration": - Bilderbuchsiedlung in Florida
Unheimlich schön

17.08.2004 15:45
Vor zehn Jahren gründete Disney-Chef Eisner die Siedlung "Celebration": Den 8000 Einwohnern gefällt's, denn die klinisch-saubere Retro-Welt wächst und wächst.

High Noon in Celebration, Florida. Klimaanlagen zirpen wie Zikaden, Deckenventilatoren schaufeln schwülwarme Luft um – und das T-Shirt klebt am Leib. Wer kann, sitzt im Café, schlürft Eistee und schaut über den See. Mittags unterscheidet sich Celebration wenig von Kleinstädten des Südens. Die bleierne Müdigkeit aber täuscht, Celebration ist attraktiv wie nur wenige Orte in den USA. Vor zehn Jahren gründete Disney-Chef Michael Eisner die Siedlung am Rande der Disney World von Orlando.

Eisner pries sie als Prototyp für das kommende Jahrtausend. 8000 Menschen wohnen hier heute, weniger als die Hälfte arbeitet bei Disney.

Den runden Geburtstag begehen sie, wie es sich für anständige Nachbarn gehört: freundlich, bescheiden und vor allem nicht allzu laut. „New Urbanism“ hieß die Zauberformel, mit der hier eine kleine Welt entworfen wurde, dicht gepackt wie eine Ortschaft vor dem Zweiten Weltkrieg und klinisch sauber wie im Reagenzglas.

Yale-Professor Robert Stern skizzierte den Masterplan. Da stehen pittoreske Häuschen mit Vorgarten, gesäumt von Wasserflächen und Parks, Sterns Antwort auf endlose Vorstädte und zugleich eine Retro-Welt aus der guten alten Zeit.

Das Zentrum bildet eine Mustersiedlung der Postmoderne. Alle haben hier gebaut: Aldo Rossi, Michael Graves, Robert Stern, Charles Moore, Robert Venturi, Philip Johnson und Cesar Antonio Pelli. Aber keinem fällt es auf.

Celebration ähnelt eher einer Reklame für Jack Daniel’s: Leben im Dreivierteltakt. In der Celebration News werden sogar alle 87 Freiwilligen der Bücherei beim Namen genannt – man kennt sich eben. Ganz wie im Prospekt versprochen: „Have you ever wanted to be part of something bigger than yourself?“

Wollten Sie schon immer Teil eines großen Ganzen sein? Dieser Ruf findet Gehör beim Mittelstand. Die Häuser sind günstig, die Vorgärten grün. Natürlich, der Rasen: kraftstrotzend wie vor dem Eröffnungsspiel der Fußballweltmeisterschaft steht er da, perfekt getrimmtes Grün.

Rick ist zufrieden. „Ordentlich“, urteilt der stämmige Texaner und tritt näher an die Platten, die wie ein Empfangsteppich zwischen Gehweg und Straße liegen. Rick begleitet seine Verlobte zu den Schwiegereltern. Vorher haben sie sich noch das Modell der großen kleinen Stadt angeguckt.

Im Musterhaus in der Beak Street ist eine Kunstwelt innerhalb der Kunstwelt ausgebreitet: Wie nierenförmige Inseln wachsen immer neue Klone von Celebration ins Grün. Künftige Stadtteile liegen an künstlichen Teichen und gewundenen Straßen.

Ob er hier leben wollte? Rick rückt die Sonnenbrille zurecht. „Nicht wirklich“, sagt er, „zu wenig Platz zwischen den Häusern.“ Und setzt fast entschuldigend hinzu: „Wir kommen aus Texas, da kleben wir nicht so an den Nachbarn.“

Amerikanische Utopien brauchen Sonne, wollen sie prosperieren, traumhafte Abende, den SUV vor und den Pool gleich hinterm Haus. Mit diesem Gemeinplatz bricht Celebration. Da gluckert kein Wasserbecken, und die Grundstücke gleichen eher grünen Handtüchern als Rennstrecken für Aufsitzrasenmäher. Trotzdem ist Celebration ein Verkaufsschlager.

Und: Die Disneygründung kennt keine Pforten wie die berüchtigten Gated Communities, hat keine Mauern, keine sichtbaren Sicherheitstrupps. Das übernimmt der Celebration Boulevard, der sich wie ein grüner Wall am Nordrand der Mustersiedlung hinzieht.

Irgendwo dahinter beginnt die normale Welt, liegen die Malls und Ausfallstraßen, vor denen die Einwohner flüchten. Aber wo sind die bloß? Am Boulevard ist kein Auto unterwegs, nur drei Hilfsarbeiter trimmen den Mittelstreifen. Alle 100 Meter führen Anschluss-Stellen ins Unterholz. Irgendwann werden hier Einfamilienhäuser stehen und Veranden, auf denen Neubürger sitzen, wenn der Abend aufzieht.

Bauen geht ruckzuck in Florida. Kapitelle werden angeschraubt und Wände getackert, einige Fassaden bestehen tatsächlich aus Stein. Wo eben noch subtropischer Wald war, liegt der Artisan Park, der jüngste Ableger von Celebration – wie mit der Heckenschere geschnitten. Straßenschilder stehen schon: Craftsman Avenue, Tapestry Drive, Mosaic Drive. Sie stecken im Sand, zusammen mit Laternen und Betonplattenwegen.

Disneys Bilderbuchdorf wächst sich zur richtigen Stadt aus. Da fällt niemandem auf, dass es bald aus ist mit der fußläufigen Welt, der dichten Gemeinschaft im Wald. Neubauten kommen mit der Grandeur von Südstaatenvillen daher, mit weißen Säulen und einem gewaltigen Portikus. Erst lila, dann taubenblau, schließlich königsrot. So farbenprächtig sieht die Karriere eines Neubürgers von Celebration aus.

Dahinter stehen Preisklassen aller Domizile: 100.000 Dollar kostet die Eigentumswohnung im Terrace Home, doppelt so viel das frei stehende Garden Home mit steilem Giebel und Veranda. Ab 800.000 Dollar gibt es den Traum in Weiß: eine Villa, wahlweise im Colonial, Victorian, Classical, Coastal, French oder Mediterranean Style. Die Katalogvielfalt täuscht, hier trifft sich der gehobene Mittelstand. Celebration ist Spiegel seiner Fluchtträume vor heruntergekommenen Downtowns.

Langeweile und Kontrolle, die Zerrbilder von Ordnung und Sicherheit, nehmen die Einwohner in Kauf. Wie meinte doch Jim Carreys bester Freund aus der „Truman Show“: „Es ist alles wahr. Nichts, was Sie hier in dieser Serie sehen, ist verfälscht. Es gibt nur eine gewisse Kontrolle.“ Kontrolle passt gut zu Traumwelten, in denen jeder Grashalm lackiert und in Form gebracht scheint.

Bislang gibt es keine gewählte, sondern nur eine professionelle Stadtverwaltung. Und als Disney Mitte Januar das Town Center an Lexin Capital verkaufte, beeilte sich die Immobilienfirma zu verkünden, dass sich nichts ändern werde. Celebration soll so bleiben, wie es ist: unheimlich schön.

Von Oliver Herwig

Quelle: Süddeutsche Zeitung

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